Letzte Instanz
Okt 6th, 2010 | Von certifiableinsanity | Kategorie: Interviews
Sänger Holly beim Interview
Kurz vor der Release Party zu ihrem neuen Album „Heilig“, dass am 1. Oktober bei uns in die Läden kam, nahm sich Holly, der Frontman von Letzte Instanz ein bisschen Zeit um für Metalblaze ein bisschen über seine Musik und das neue Album zu plaudern.
Ihr habt ja heute Release Party für euer neues Album „Heilig“, erstmal Gratulation dazu. Wie findest du das neue Album selbst und wie würdest du es in 3 Worten beschreiben?
Drei Worte? Da reicht ein Wort, nämlich brachialromantisch. Wie ich das Album persönlich empfinde, kann ich so noch gar nicht sagen. Denn nach einer langen Produktionsphase, wenn du dich da lange beschäftigst mit jedem Lied, von der Komposition bis zum Text, geht dir irgendwann der Überblick verloren ob das jetzt gut oder schlecht ist. Es kommt jetzt erstmal raus, und ich hab es ja auch auf den vergangenen Release Partys ein paar mal gehört, es fügt sich auf jeden Fall gut ein im laut Hören. Wie es dann zu Hause mit einer Anlage klingt, das werd ich nach der Tour, vielleicht so im Neujahr ausprobieren.
Ich muss auch sagen bei diesem Album war es auch etwas anderes, ich habe ja in Istanbul gewohnt, und normalerweise flieg ich mal schnell rüber ins Studio, nehm das Album auf und flieg wieder zurück. Aufgrund der Aschewolke wars dann so, dass das Studio schon gebucht war und ich hatte als Sänger 7 Tage zum Einsingen des gesamten Albums. Dann musste ich mich in einen Bus setzen, das waren dann auch 60 Stunden in einem Hartschalensitz, und morgens um halb 3 am zweiten Aufnahmetag bin ich angekommen. Das war dann alles komprimiert auf 5 Tage, aber es ging.
„Heilig“ ist ja auch die Fortsetzung eures letzten Albums „Schuldig“, inwiefern besteht für dich ein Zusammenhang zwischen diesen Werken und welche Aussage wollt ihr mit dem Wandel von „Schuldig“ in „Heilig“ machen?
Das will ich eigentlich gar nicht so vorgeben, im Prinzip ergibt sich das ja auch aus den Texten. Wer die Letzte Instanz kennt, ich mein schon der Name ist so ein bisschen arrogant angehaucht. Wir hatten Alben wie „Götter auf Abruf“ oder „Wir sind Gold“, alles ein bisschen arrogant und selbstironisch. „Schuldig“ war der Versuch verschiedene Aspekte von schuldig zu repräsentieren und „Heilig“ ist es auch. Wir haben auch die religiösen Aspekte eigentlich außen vor gelassen. Es klingt jetzt hochtragend, aber es geht um die Spiritualtät und den Glauben an sich. Für mich zum Beispiel ist meine Tochter mir heilig, dadurch dass wir uns so selten sehen ist jeder Moment auch ein intensiver Moment. Aber auch wenn jemand kommt und versucht Massen für sich einzunehmen, hat das einen religiösen, heiligen Aspekt, aber eher die Kehrseite, die Dunkle Seite der Macht.
Gibt es ein bestimmtes Lied auf dem Album, das eine besondere Bedeutung für dich hat?
Ich schreibe ja alle Texte bis auf einen, „Atme“ ist von Benni Cellini, aber auch aus seiner persönlichen Erfahrung heraus. Alle Texte die bei „Heilig“ zu finden sind, sind nicht so aus der Hand geschüttelt. Ich gehe da selber sehr mit mir ins Gericht und überlege jedesmal auch wie viel ich eigentlich von mir preisgeben will. Es ist ja eigentlich so etwas wie ein Seelenkino. Wer seit 2005 die Alben kennt, vor dem liege ich eigentlich da wie ein offenes Buch. Das sind schon Themen, die mich berühren, Geschichten die ich erlebt habe, die meiner Seele gut tun oder geschadet haben. Das ist ein bisschen wie ein Ventil, und somit kann ich auch schlecht sagen, welches ich favorisiere.
Nach euren Release Partys seid ihr ja auch „Auf Heiliger Tour“ wie ich gelesen habe, und kommt unter anderem auch nach Wien. Was können/dürfen sich die Fans von dieser Tour erwarten?
Laut, Rock’n'Roll, Spaß, Entertainment! Wir gelten in unserer Branche auch als sehr partyfreudig. Wir werden auf jeden Fall eine Party feiern, eine Party wo man Spaß haben kann und auch miteinander Spaß haben kann, aber auch das Nachdenken und die Selbstreflexion nicht vergessen. Es kommt drauf an, wie gut der Tontechniker das mischt, aber wenn man die Texte versteht also nicht nur verbal sondern auch inhaltlich, wär das ganz toll. Aber nur das Feiern nicht vergessen!
Das bist du sicher schon öfter gefragt worden, aber wieso eigentlich „Letzte Instanz“? Seid ihr unsere musikalische Retter?
Ja! Natürlich!(lacht)
Wie läuft das in eurer Band mit dem Songwirting? Wie geht ihr an ein neues Lied/Album heran?

Das neue "brachialromantische" Werk
Wir haben jetzt ein paar Jahre gebraucht um einen guten Arbeitsweg zu finden, aber die letzten 3 Alben haben wir uns gut routiniert. Das läuft eigentlich immer nach dem selben Schema ab, der M. Stolz und der Oli, unsere musikalischen Masterminds und Komponisten, schicken mir im Laufe des Jahres Instrumentalstücke digital und ich sitze dann da, in der Nähe von Berlin und schreibe immer wenn mir etwas einfällt, Fragmente auf, egal wo ich bin. Dann kommt der Moment wo das Lied auf den Text trifft, denn meistens ist schon ein Textfragment da, das dazu passt. Dann nehme ich das zu Hause auf und alles wandert in die Schublade, bis 25 oder 30 Songs da sind, dann schließen wir die Produktionsphase ab und treffen uns alle in Hannover. Dort mieten wir für ein paar Tage ein Haus und versuchen alles den einzelnen Instrumenten zuzuordnen, und nach 10 Tagen ist dann alles relativ rund. Dann hat noch jeder ein bis zwei Monate um an sich und mit seinem Instrument zu üben, und dann geht’s ab ins Studio!
Was war das eigenartigste Erlebnis an das du dich erinnern kannst seit dem du berühmt bist?
Ja das war schon die Busgeschichte, die war sehr nervenaufreibend und wird noch lange in meinem Gedächtnis bleiben. Das war dann aber auch ein schöner Moment sich zu erden, weil eigentlich wär ich ja geflogen, hätte alles eingesungen und wär dann wieder weggeflogen. So hatte ich aber wirklich 60 Stunden mit mir alleine und einem dicken Kasachen neben mir. Wir haben uns dann auch unterhalten, gar nicht über Musik, denn für ihn war ich ja auch nur ein einfacher Passagier. Zwischendurch sind wir auch mal eingeschlafen und haben ein Bierchen miteinander getrunken, ich kannte diesen Menschen nicht, und werde ihn vermutlich auch nie wiedersehen, aber das waren sehr interessante 60 Stunden.
Wer sind deine musikalischen Vorbilder, bzw. wenn du sie nicht Vorbilder nennen willst, woher holst du dir deine musikalische Inspiration?
Naja, ich sehe mich ja eigentlich selber gar nicht so als Musiker, ich bin ja eher der Schreiberling. Aber Musik, wenn ich sie mir anhöre, dann ist sie eher klassisch und ruhig. Wie beispielweise Philip Glass, aber manchmal auch The Doors live. Aber wirkliche Inspiration gibt’s hier nicht, höchstens im Schreiberischen.
Mit wem würdest du musikalisch nicht verglichen werden wollen?
Öhm.. mit Hansi Hinterseer!
Was würdest du am liebsten machen, wenn du nicht Musiker wärst?
Dann würd ich wahrscheinlich trotzdem schreiben, entweder Romane oder Kolumnen. Ich habe ja eigentlich Landvermesser gelernt, vielleicht wärs ja auch dabei geblieben. Tagsüber Landvermesser und abends bei einer Flasche Wein dann halt Geschichten schreiben. Das mit der Musik hat begonnen, wie ich im jungen Alter bemerkt habe, dass es einfacher ist an Mädls ranzukommen wenn man Musiker ist. Ich hab Klavierspielen angefangen, aber Klavier am Lagerfeuer ist unpraktisch und etwas schwer hinzutragen, also hab ich Gitarre angefangen.
Du hast ja auch Bücher geschrieben?
Ja, zwei! Genaugenommen sind es 3 Bücher, bei dem einen war ich nur der Herausgeber. Da hatten wir im Forum dazu aufgerufen, dass Fans über unsere Texte, Interpretationen oder Kurzgeschichten schreiben sollen. Ich rechnete mit 5 oder 6 Geschichten, insgesamt waren es dann über 70, aber glücklicherweise gibt’s einen Verlag der mich davor gefragt hatte ob ich was schreiben will. Dann wurden die Kurzgeschichten Sammlung „Das weiße Buch“ veröffentlicht. Ein Jahr später habe ich auch ein Kinderbuch geschrieben, über ein Mammut und eine Mücke, die durch dick und dünn gehen. Und mein drittes Buch ist eine Novelle, die in Instanbul entstanden ist. In diese Geschichte mündeten alle meine Erfahrungen, die ich in Istanbul gemacht habe oder die ich von Leuten gehört habe. Es geht um eine Christin und einen Muslimen, eine Deutsche und einen Türken, die sich verlieben. Im Roman sind die Probleme und Gemeinsamkeiten beschrieben. Das nächste ist auch schon im entstehen, aber jetzt geht erstmal die Band vor.
Was fällt dir ein zu:
Mittelalter
Ist bei der Band auch schon lange her, wir sind zwar noch in dieser Sparte, machen aber gar keine Mittelaltermusik. Es gibt auch nur sehr wenige, die überhaupt noch Mittelaltermusik machen, die einzigen, die das wirklich noch machen sind Corvus Corax.
illegale Musikdownloads
Das ist zwiegespalten, einerseits ist es cool, dass wir gehört werden, aber es sind halt bittere Lorbeeren.
Ein sehr gutes Tool um Promotion zu machen, um in die Nähe der Fans zu rücken und um mal auf Augenhöhe zu kommen. Mittlerweile mein Hauptkommunikationsmodul, um mit den Fans zusammenzukommen.
Autogramme
Manchmal ganz cool, aber es ist immer eine kleine Hommage an einen selber wenn jemand eines will.
Heimatfilme
Ich habe letztens Polizeiruf 110 gesehen, das ist ja meine Art von Heimatfilm. Aber ich lese viel lieber solche Geschichten, „Der Jäger von Fall“ hab ich letztens erst gelesen. Aber die Filme, naja…
Dann sag ich vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast und die letzten Worte gehören natürlich dir. Möchtest du unseren Lesern noch etwas mitteilen?
Ich hab mir die Zeit nicht genommen, es lag ja auf dem Weg, und das ist im Prinzip auch ein gutes Motto. Immer schön im Fluss zu bleiben, das wünsche ich euch, Nicht abkommen vom Weg und vielleicht den Weg auch zum Ziel zu gehen. Das ganze Leben so intensiv wie möglich zu gestalten, und nicht an wichtigen Dingen vorbeizurennen.



